Für einmal beginnt der Jahresbericht nicht mit einem Bericht aus Cusco, sondern hier in der Schweiz. Im Sommer erhielten wir nämlich Besuch aus Cusco. Zwei ehemalige Elim-Kinder, Hugo und Shirley, die mittlerweile berufstätig sind und sich im Vorstand von Elim engagieren, verbrachten auf private Einladung hin zwei Wochen in Basel. An einer erweiterten Mitgliederversammlung schilderten sie ihre persönlichen Erfahrungen im Heim und die aktuellen Herausforderungen in der Arbeit mit den Kindern. Während dem anschliessenden Apéro gab es Zeit für persönliche Gespräche und Austausch. Natürlich nutzten wir die Gelegenheit, um ihnen unsere schöne Schweiz zu zeigen. Marcel schreibt dazu:
«Meine Frau Vreni und ich machten mit dem jungen Paar eine grosse Schweizer Reise, die über die herrliche Gletscherwelt des Berninapasses durch ein kurzes Stück Italien ins Tessin führte. Die beiden hatten zwar gewusst, dass man in der Schweiz Deutsch und Französisch spricht, doch dass auch Italienisch eine unserer Landessprachen ist, war ihnen neu. Die Schiffsreise auf dem Vierwaldstättersee auf der Rückkehr nach Bern löste bei ihnen grosse Freude aus. Sie verglichen ihn mit dem Titicacasee, dem einzigen See, den sie bislang gekannt hatten. Die Schweizer Seereise wurde zu einem Abenteuer. Wir bestiegen in Flüelen das Schiff bei schönstem Wetter, doch nach der ruhigen Fahrt über den Urner Arm tauchte vor uns eine schwarze Wolkenwand auf, in welche das Schiff direkt hineinfuhr, umtost von heulenden Winden und mächtigen Wellen. Es war eindrücklich. Mit Hugo und Shirley als Erwachsenen wieder zusammen zu kommen, war für mich eine grosse Freude. Dank ihrem Besuch durfte ich wieder einmal Papito sein, Papito Marcel, wie mich die Elimkinder nannten.»
Auch uns machte es grossen Spass, mit ihnen über das Basler Münster, «d’Fähri» und die vielen Rheinschwimmer zu staunen und durch ihre Beobachtungen die Altstadt wieder anders wahrzunehmen. Da sie ja in der Zeit bei uns wohnten, ergaben sich bei den Mahlzeiten immer wieder lange und interessante Gespräche zum Beispiel über Hugos Arbeit in der Anwaltspraxis, Shirleys Pflegealltag und ihr Eindruck von der Schweiz als sehr ruhig und geordnet.
Ab dem 26. Dezember verbrachte dann meine ältere Tochter zweieinhalb Wochen in Cusco. Sie schreibt über diese Zeit:
«Für mich war der letzte Tag des Besuchs ganz klar das Highlight. Am Freitag der zweiten Woche gab es im Bubenheim anlässlich des 25-jährigen Jubiläums ein grosses Fest mit vielen ehemaligen Kindern und Tutoren. Dort traf ich zum Beispiel zwei Schwestern wieder, mit denen ich bei meinem dreimonatigen Aufenthalt im Elim vor 13 Jahren viel Zeit verbracht hatte. Es war grossartig von ihrem Leben zu hören und die achtjährige Tochter der älteren der Beiden kennenzulernen. Bei ehemaligen Kindern und Tutoren war immer noch eine starke Verbundenheit spürbar. Das war die sehr erfreuliche Seite, einige Ehemalige waren jedoch auch abwesend, verstorben oder gerade im Gefängnis.
Natürlich waren die Kinder, die im Moment im Heim leben, ebenfalls am Fest mit dabei. Im Moment sind dies 8 Mädchen zwischen 8 und 17 Jahren und 6 Jungs zwischen 7 und 15 Jahren. Im Mädchenheim ist es zur Zeit etwas ruhiger, weil alle schon länger als ein Jahr da sind, bei den Jungs sind gerade drei Brüder neu eingetreten. Die Regelung der Kurzaufenthalte ist immer noch in Kraft. Jeremy hat aber erzählt, dass die vier Psychologen, welche die Kinder alle drei Monate evaluieren, über die Jahre bemerkt haben, wie die Elim Kinder oft nach einiger Zeit aufzublühen beginnen. Deshalb schreiben sie immer wieder in ihren Gutachten, dass für die Kinder die Stabilität besser wäre als sie allzu schnell wieder in das alte Umfeld zurückzuschicken.
Im Mädchenheim gibt es nach wie vor das Problem, dass aufgrund eines Umbaus des Nachbarhauses von Lehm zu Beton nun im Mädchenheim vermehrt Wasser ins Fundament eindringt. Jeremy erzählte, dass in den USA eine Spendensammlung dafür im Gange sei. Durch eine solche gezielte Spendensammlung für ein konkretes Projekt ist letztes Jahr genug Geld für die Anschaffung eines dringend benötigten Minivans zusammengekommen. Obwohl die Sanierung des Mädchenheims wesentlich teurer und aufwändiger sein wird, hofft Jeremy, dass durch diese Zusammenarbeit die benötigten Mittel aufgebracht werden können. Das war natürlich eine Erleichterung, da eine von Contigo finanzierte Sanierung von Anfang an ausgeschlossen war und unsere Möglichkeiten deutlich überstiegen hätte. Gleichzeitig betonten sowohl Jeremy als auch Nilda immer wieder, dass ohne die regelmässige, zuverlässige Unterstützung aus der Schweiz der alltägliche Betrieb des Heims, also Essen, Schulgelder, Löhne für die Angestellten und so weiter, nicht möglich wäre. Damit verbunden war ein grosses Danke an alle Spenderinnen und Spender.
Nicht nur am Fest sondern auch unter der Woche trifft man im Bubenheim immer mal wieder Ehemalige, darunter drei junge Männer, die alle vor einigen Monaten eine Arbeitsstelle angetreten haben (in der Logistik eines Minenunternehmens, bei einem Hersteller von Gerüstbauteilen und in einem Restaurant). Bei ihren Besuchen bringen sie jeweils etwas mit, z.B. Ananas oder Mangos für die Kleinen, Reis oder Öl. Ob solche Bindungen dereinst ein Weg sein könnten, wie sich Elim schrittweise aus der Abhängigkeit von der Schweiz lösen und mehr auf lokale Unterstützung bauen kann?
Da dieser Besuch länger war als in anderen Jahren und zudem gerade Schulferien waren, konnte ich wirklich viel Zeit mit den Kindern verbringen. Natürlich ist es nicht gerade die Idealvorstellung der meisten Kinder, dass am ersten Ferientag eine Mathematiklehrerin auftaucht und Vektorgeometrie üben möchte. Trotzdem haben sie erstaunlich motiviert mitgemacht, was meiner Einschätzung nach viel damit zu tun hat, dass sie in der Schule in sehr grossen Klassen unterrichtet werden (meist mehr als 30 Kinder) und es daher zum Teil tatsächlich genossen haben, wenn individuell auf ihre Rechenprobleme eingegangen wurde. In der zweiten Woche habe ich sie dann noch zu einem Ausflug eingeladen. Am Morgen haben wir eine kleine Tierrettungsstation besucht und nach einem Mittagessen in einer Polleria sind wir zu einer Lagune gefahren, wo sie am Strand Volleyball spielen konnten. Vor allem die Jüngeren genossen die Autofahrt sichtlich und bemerkten jedes Lama, jedes Schaf und jede Kuh am Strassenrand.
Hugo und Shirley hatten über die Feiertage mehr Zeit als üblich und haben mich auf einige tolle Wanderungen zu abgelegenen und weitgehend unbekannten Inkaruinen und Höhlenmalereien mitgenommen. Das hat mir grossen Spass gemacht und so war der Aufenthalt eine insgesamt zwar sehr anstrengende aber unglaublich bereichernde Zeit. Wie immer war es motivierend zu sehen, was für eine wertvolle Arbeit im Elim geleistet wird.»
Wir danken Ihnen herzlich für Ihr Vertrauen sowie für Ihr Interesse und Ihre Anteilnahme an den Entwicklungen im Elim.
Für den Vorstand
Roland Laager